Meine Rede zur Preisverleihung des Kant-Weltbürger-Preises

Sehr geehrter Herr Lange!

Sehr geehrter Herr Bundespräsident!

Liebe Preisträgerinnen und Preisträger!

Verehrte Damen und Herren!

Als passionierter Fußballfan habe ich mich – auch als

Schalker – sehr über den Einzug des SC Freiburg in das

Finale der Europa League vorgestern gefreut. Und ich

musste sofort daran denken, dass dieses Finale im Stadion

von Beşiktaş in Istanbul, in der Stadt von Dilek und Ekrem

İmamoğlu stattfinden findet und wie eng in diesem Europa

und in dieser Welt die Dinge – ganz in dieser frühen

Erkenntnis von Immanuel Kant – zusammenhängen.

Ich will mich bedanken für die Zuerkennung des Kant-

Weltbürger-Preises. Es ist eine große Ehre und ich freue

mich. Weil es natürlich eine persönliche Anerkennung ist,

aber vor allem auch das Thema, um das es mir geht, noch

einmal stark macht.

Ich nehme diesen Preis aber auch mit einer gehörigen

Portion Demut entgegen. Ich will gar nicht bestreiten, dass

es auch ein paar nicht ganz so einfache Momente für mich

gab, in der Auseinandersetzung mit dem Thema der

korrumpierten deutschen und europäischen Abgeordneten

durch Aserbaidschan.

Aber das ist natürlich überhaupt nicht vergleichbar mit

dem tapferen Bürgermeister von Istanbul und seiner Frau,

die ihre Freiheit und das Glück der Familie gegen das

eigene Engagement einlösen. Und natürlich erst recht nichtmit den tapferen Menschen in der Ukraine, die unter dem

russischen Angriffskrieg ihr eigenes Leben riskieren und in

vielen Fällen auch verlieren.

Ich empfinde tiefe Achtung vor der Leistung der türkischen

und ukrainischen Freunde und gratuliere herzlich zu dieser

Auszeichnung!

Vielen Dank für die sehr freundliche und sehr lobende

Laudatio von Hans-Jochen Wagner. Ich muss sagen, es

stimmt alles. Nein, wirklich vielen Dank für das milde Urteil

über einen der „Politiker“. Es ist ja etwas was mich

durchaus umtreibt. Dass dieses Drängen auf politische

Aufklärung, das ich betrieben habe und weiter betreibe,

zwei Seiten hat. Die eine, dass ich als Politiker – ganz

persönlich – gelobt werde. Das freut mich und das ist gut.

Auf der anderen Seite werde ich aber allzu oft als die

positive Ausnahme von der ach so üblen Politikerkaste

wahrgenommen, von der man es ja schon immer gewusst

habe. Nämlich wie korrupt die alle sind. Sind sie übrigens

nicht, jedenfalls nicht mehr als andere Menschen in dieser

und anderen Gesellschaften, die mit einem gewissen Maß

von dem was man Macht nennt, ausgestattet sind.

Also, lieber Hans, auch dafür vielen Dank, dass Du

differenzierst. Und wir in den letzten Jahren das ein oder

andere gute Gespräch zur politischen und

gesellschaftlichen Lage führen konnten.Kampf gegen Korruption

Zum Kern meines Anliegens, für das ich hier wohl geehrt

werde: der Kampf für die Menschenrechte, für die

Demokratie, für den Rechtsstaat, für das Recht auf eine

gesunde und artenreiche Um- und Mitwelt. Und GEGEN

DIE KORRUPTION! Und die Korruption, gegen die ich

mich engagiert habe, ist ja nicht bloße Korruption, wie man

es landläufig verstehen könnte. Jemand, der zu Unrecht

Geld bekommt. Und damit glücklich wird oder nicht.

Korruption ist immer viel mehr: Korruption zerstört

Demokratie und sie zerstört Rechtsstaat und Korruption

unterminiert die Menschenrechte.

Im vorliegenden Fall in einer geradezu mustergültigen

Form im Zusammenspiel des Deutschen Bundestages

jedenfalls von einigen dort – mit einer Institution, die kaum

jemand kennt, die aber wohl wichtig genug sein muss, dass

man sie unterwandern will, nämlich den Europarat. Mit

dem Sitz in Straßburg, keine 100 km von hier entfernt. Der

Europarat, den in Deutschland kaum jemand kennt, obwohl

ihn manche glauben zu kennen, ihn dann aber meist für die

Europäische Union halten, hatte und hat für viele der heute

46 Mitgliedsstaaten eine enorme Bedeutung.

Mit seiner Hilfe haben viele Staaten nach der

demokratischen Wende der 90er Jahre sich erst

verfassungsmäßig konstituieren können. Und bis heute

berät und kontrolliert er die Mitgliedstaaten gleichzeitig.

Und weil das so ist, wurde der Europarat Gegenstand vonBegehrlichkeiten, insbesondere durch den Staat

Aserbaidschan, der 2001 dem Europarat beigetreten ist.

Die Krux ist, dass Aserbaidschan – von Anfang an – Mitglied

des Europarats werden werden wollte, ohne sich den

grundlegenden Werten verpflichtet zu fühlen und

grundlegende Regeln einhalten zu wollen. Um diese Lücke

von Anspruch und Wirklichkeit zu schließen, brauchte

man die Korruption. Um diesen fundamentalen

Gegensatz also zu überdecken, musste man die Berichte

und damit auch die Berichterstatter des Europarats und die

entsprechenden Abstimmungen über die Lage in

Aserbaidschan manipulieren.

Es ist das überragende Verdienst von Gerald Knaus und

seiner Europäischen Stabilitätsinitiative, diese

Manipulationen untersucht und veröffentlicht zu haben. Das

Perfide war das Zusammenspiel der Akteure autokratischer

Staaten mit demokratisch gewählten und legitimierten

Abgeordneten, in entwickelten und eigentlich ziemlich gut

funktionierenden Demokratien wie Deutschland,

Frankreich, Spanien, Großbritannien, Italien, Belgien.

Die Europäische Stabilitätsinitiative hat das in ihrem Bericht

von der „KAVIARDIPLOMATIE“ beschrieben, viele

investigative Jounalisten haben es aufgegriffen – ich will hier

exemplarisch Claudia von Salzen vom Tagesspiel und

Daniel Streib von den Badischen Neuesten Nachrichten

nennen.

Auch das Fernsehen hat es aufgegriffen. Daniel Harrich

hat es in einer Dokumentation und einem Spielfilm einem

Millionenpublikum näher gebracht. Daniel Harrich mitseinem gesellschaftlichen Engagement solche

Aufklärungsprojekte zu entwickeln und umzusetzen und all

diesen engagierten Journalistinnen und Journalisten

gebührt großer Dank!

Nicht zu vergessen übrigens die mutigen Journalisten

und Menschenrechts- und Demokratieaktivisten in

Aserbaidschan, die ihr Engagement sogar mit dem Leben

bezahlt haben, sich als einer von etwa 350 politischen

Gefangenen in Aserbaidschan befinden oder ins Ausland

emigrieren mussten. Wo sie übrigens – auch in Deutschland

– fortwährender transnationaler Repression des

aserbaidschanischen Regimes ausgesetzt sind. Nennen will

ich hier stellvertretend Chadidscha Ismailowa, den

Václav Havel Preisträger Anar Məmmədli, die jungen

Journalisten von Abzas Media oder Qubad İbadoğlu.

Sie sind eben auch in Haft oder im Exil oder in Gefahr –

und das ist das Kernproblem der hier in Rede stehenden

Korruption, weil sich deutsche Bundestagsabgeordnete

bezahlt

in den Dienst des Regimes gestellt haben. Ein

eigentlich unfassbarer Vorgang. Und ich muss es so sagen.

Viele von ihnen haben Blut an ihren Händen. Und ich habe

mich immer wieder gefragt, ob ich zu hart mit diesen

Abgeordneten, von denen drei jetzt in erster Instanz

verurteilt wurden (und die noch Lebenden dagegen

Rechtsmittel eingelegt haben) ins Gericht gehe.

Wahrscheinlich muss man aber auch hier auf Kant

verweisen:„DIE FÄHIGKEIT, MIT IHRER VERNUNFT ZWISCHEN

RECHT UND UNRECHT ZU UNTERSCHEIDEN, IST

ALLEN MENSCHEN ANGEBOREN.“

Diese Abgeordneten hätten sich anders einschneiden

können und ich will, dass dieser Fall eben auch präventiv

wirkt, die Regeln verschärft werden und es allen

Zukünftigen eine Warnung ist.

Das letzte Kapitel dieses Falls ist aber noch nicht

geschrieben. Nicht nur, weil die Revision vor dem

Bundesgerichtshof (wiederum hier um die Ecke in

Karlsruhe) ansteht, sondern weil viele weitere Fälle

unaufgeklärt und ungesühnt sind und natürlich die

permanente Gefahr neuer Korruption im Raum schwebt.

Kampf um die Demokratie

Das letzte Kapitel ist auch noch nicht geschrieben beim

Kampf um die Demokratie, den Rechtsstaat, die

Menschenrechte und auch den gerechten Frieden

insgesamt. Nicht in Aserbaidschan, nicht in der Türkei,

nicht für eine gerechte und freie Zukunft der Ukraine, nicht

in den USA, nicht in Russland und auch nicht hier bei uns in

Deutschland und in Europa.

Es gab ein paar Dinge, die mir insbesondere meine Mutter

beigebracht hat. Keine zu große Furcht vor Autoritäten. Mit

dem Hinweis, mir die Mächtigen vor mir auf der Toilette

vorzustellen. Ehrlich gesagt versuche ich das eher zuvermeiden. Und sie hat mir immer gesagt, und heute 84-

jährig sagt sie es manchmal immer noch:

„WAS DU NICHT WILLST, DASS MAN DIR TUT

DAS

FÜG AUCH KEINEM ANDREN ZU.“

Die meisten Menschen, die diese Redewendung

gebrauchen, wissen gar nicht, dass sie von Kant ist, wie

überhaupt seine Bedeutung für den modernen Staat und

die heutigen Herausforderungen bis zur Künstlichen

Intelligenz vielen nicht bewusst sind. Und es ist das

Verdienst von Ihnen und Ihren Mitstreitern, Herr Lange,

diese gerade hohe Aktualität von Kant immer wieder ins

Bewusstsein zu rufen.

Dieses

„WAS DU NICHT WILLST, DASS MAN DIR TUT

DAS

FÜG AUCH KEINEM ANDREN ZU.“

ist die Grundlage des Völkerrechts – und damit übrigens

auch des Europarats und seines Europäischen Gerichtshofs

für Menschenrechte in Straßburg. Hart erkämpft und bitter

bezahlt mit dem Holocaust und Dutzenden Millionen von

Toten.

Ich habe heute morgen in diesem wunderbaren Hotel „Park

Hotel Post“ noch einmal dieses kleine, aber grundlegende

und aufrüttelnde Büchlein von Giuliano da Empoli „Die

Stunde der Raubtiere“ in die Hand genommen. Zur

Einleitung beschreibt er die Situation des

Aztekenherrschers Moctezuma II., der der Landung von

Hernán Cortés, unentschlossen, zu unentschlossen,

entgegenstand und damit die Freiheit verlor und er sieht

das als Bild für die heutige Zeit, in der wir dem Seien oderAufkommen des Autoritarismus zu unentschlossen

entgegenstehen.

Genug Warnungen und genug Literatur gibt es. So auch

das Buch „2033“ von Bijan Moini, das mir meine

Justizministerin Stefanie Hubig zum Geburtstag

geschenkt hat und in dem eine mögliche erneute

rechtsextreme Machtergreifung im Jahr 2033 in

Deutschland beschrieben wird.

Zum Eingang des Buches wird der deutsche Schriftsteller

und Verfolgte des Nationalsozialismus Erich Kästner zitiert:

„Man darf nicht warten bis der Freiheitskampf

Landesverrat genannt wird. Man darf nicht warten bis

aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist. Man

muss den rollenden Schneeball zertreten. Die Lawine

hält keiner mehr auf. Sie ruht erst, wenn sie alles unter

sich begraben hat.“

Verehrte Damen und Herren!

Das ist die Aufgabe unser Zeit. Wär hätte das gedacht.

Nicht nur in der Türkei und in der Ukraine, sondern auch in

den USA und mitten in Europa, auch in Deutschland. Nach

alledem. Aber auch da kann uns Kant helfen. Nicht

verzweifeln. Nicht verharren. Sich beständig einzusetzen für

den Frieden, die Freiheit und die Gerechtigkeit. Dann

klappt das.

Zum SchlussZum Schluss danke ich erneut für den zugedachten Preis,

und neben den alle schon erwähnten Personen, dem

TeamSchwabe in so unterschiedlicher Besetzung über die

vielen Jahre, für das heute Sevval, Leo und Andre da sind.

Und natürlich – last but not least – meiner Familie, die heute

nicht da sein kann.

Zwei Dinge ganz zum Schluss.

2. 1. Ich würde den Preis gerne denjenigen widmen, die

überall in der Welt und leider auch in Europa,

besonders aber in Aserbaidschan, in den Kerkern

von Regimen sitzen.

Es gibt jetzt eine Dokumentation, einen Spielfilm, ich

war damit bei Lanz und ich bekomme jetzt diesen tollen

Preis. Ich wollte aber immer ein Buch dazu

schreiben. Also wer dazu Ideen hat, immer her

damit.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit und wie wir im

Ruhrgebiet sagen: Glück auf.

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